Miroslav TICHÝ
“Anatomie des Augenblicks”
Miroslav TICHÝ, war ein genial-sonderbarer Chronist der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In existenzieller Distanz zum stalinistischen System, gepeinigt und verfolgt, war er trotzdem fähig, präzis/zeitlose und wahhaftige Meschenbilder zu erschaffen. Gleichsam einem ultimativ-selbstvergessenen Kriegsreporter in Friedenszeiten, brach er, wie kaum jemand zuvor, zur stummen Front des Augenblicks durch. Manche mögen sicherlich aus heutiger Anschauung sagen, das ist doch ein alter Spanner, was kümmert es mich. Andere sagen aber, das war doch der Egon Schiele der Fotografie. Sein Schaffen: Eine kurios-klandestine Jagd nach der verborgener Schönheit und dem Reiz des Alltags, scheinbar bedeutungslosen Ereignissen oder gerade rezenten Zufällen. In einer osteuropäischen Provinz der 50er und 60er Jahre. Ein quasi analoger Echtzeitfilm, zerteilt und verstreut in seine einzelnen Bild-Kader. Sicher, oftmals sieht man auf seinen ärmlich/fleckig wirkenden Foto-Unikaten auch junge Menschen, oft im Hochsommer und in Badesachen; ja mitunter auch schöne Frauen auf der Sonnenwiese. Aber immer in schreckhafter Distanz des Beobachters ausgeführt. Ist nicht der besondere Reiz seiner Schöpfungen gerade darin zu entdecken, das tausende namenlose Existenzen, durch ihn, doch einen Weg in die Unsterblichkeit (der Kunst Galaxie) erhielten? Bei seinem Tun findet der “ganze” Alltag in voller Breite ein unverschlüsselt/verschlüsseltes Abbild: Jugendliche am Sportplatz oder am Rad, Frauen an der Haltestelle, Wartende, Kinderwagen schiebende oder Heimkommende vom täglich notwendigen Einkauf. Gehende Paare im Gespräch vertieft oder Alltagplaudereien im Hausflur oder auf der Gasse. Verborgen ausgeführte “Hüftschüsse” mit selbsgebauten Kameras aus Karton, Blechdosen und alten Brillengläsern. So war es Ihm offenbar möglich und huntertfach gelungen, dem scheuesten Wesen aller Wesen, dem “Augenblick” unbemerkt zu Leibe zu rücken. Nur ein solch schaffendes Wirken im JETZT, gibt der Kunst ihren edlen Rang und ihre zeitlose Größe. Ich persönlich stelle mir oft vor, das zukünftige Marsreisende sich ihre lange Zeit bis zur Ankunft, gerade mit solchen Bildern der irdischen Welt, der sie entfliehen suchen, mitunter die Zeit und Sehnsucht vertreiben werden.
Eröffnung: 12. November um 18.00 Uhr
Ausstelungsdauer bis 5. 12. 2025
Öffnungszeiten jeden Donnerstag 14.00 bis 18.00 Uhr und jeder Zeit nach Terminvereinbarung.
